





ein Film von Erich Schmid
Der Film über Max Bill (1908-1994) bewegt sich durch und durch im Spannungsfeld zwischen Kunst, Ästhetik und Politik. Max Bill war der wohl bedeutendste Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts und der berühmteste Student, der aus dem legendären Bauhaus in Dessau hervorgegangen war. Er war ein Antifaschist der ersten Stunde, und sein ganzes avantgardistisches Werk als Maler, Bildhauer, Architekt und Typograf trägt bis zum Schluss Züge einer sozialen Verantwortung und von einem Umweltbewusstsein, das inzwischen eine geradezu unheimliche Aktualität erhalten hat.
Schweiz 2008, 35mm Farbe, Dolby SR-D, 85 Min.
Regie, Buch: Erich Schmid
Kamera: Ueli Nüesch
Ton: Dieter Meyer
Schnitt: Antoine Boissonnas
Mitarbeit: Georg Janett, Richard Dindo
Verleih Schweiz: Ariadnefilm GmbH; World Sales: Accent Films Montreux
Kurze Synopsis
Mittellange Synopsis
Lange Synopsis
Zur Dramaturgie des Films
Der Soundtrack
Zeittafel Max Bill
Erich Schmid: Der politische Bill (Katalogtext 2008)
Max Bill und seine Links zum Tessin (Text zur Ausstellung in der Casa Rusca Locarno)
Erich Schmid: Paradigmawechsel in der Bill-Rezeption (2009, PDF)
Erich Schmid: Zur Pavillonskulptur an der Zürcher Bahnhofstraße (2009)
siehe auch: Pressestimmen
Pressedossier (PDF)
"Es sind die Rebellen, die die Welt verändern werden" (André Gide)
Max Bill (1908-1994) war der wohl bedeutendste Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts. Er kam aus der Arbeiterstadt Winterthur. Er war zeitlebens ein Rebell, und heute lebt er als Unsterblicher auf dem Olymp. Sein Name steht für ein avantgardistisches Gesamtwerk, das auf die Zukunft ausgerichtet ist, eine soziale Verantwortung trägt und eine engagierte politische Aussage hat. Es ging Max Bill um die Gestaltung unserer Umwelt und um ein Umweltbewusstsein, das inzwischen eine geradezu unheimliche Aktualität erhalten hat.
Für alle, die Bills Œuvre im Zusammenhang mit seiner Biographie verstehen wollen, realisierte Erich Schmid einen Film mit dem Titel "bill – das absolute augenmass". Sechs Jahre lang hat er daran gearbeitet, und viel Unbekanntes recherchiert. Es geht durch und durch um das Spannungsfeld zwischen Kunst, Ästhetik und Politik. Ab 11. September 2008 in Schweizer Kinos, ab 4. September in Zürich und Winterthur.
Max Bill (1908-94) war einer der international berühmtesten Schweizer Künstler. Er erlebte fast ein ganzes Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik und setzte dieses in seinem Werk um. Als ehemaliger Student am Bauhaus in Dessau blieb er den Grundsätzen der gestalterischen und sozialen Verantwortung treu. Schon bevor die Nazis die Macht ergriffen war Max Bill ein Antifaschist der ersten Stunde. Zahlreiche antifaschistische Publikationen tragen sein Handschrift. Nach dem 2. Weltkrieg führte er in Ulm die Bauhaus-Idee fort als Erbauer und Rektor der legendären Hochschule für Gestaltung.
Der Film zeigt ein Leben des Scheiterns und des Erfolgs. Wo immer Bill das Schicksal in die Quere kam, waren es Momente der Herausforderung. Er war einer der ersten, der vom "Umweltbewusstsein" sprach. Später ging er deswegen als Parlamentarier in die Politik.
Mit 17 Jahren in Paris ausgestellt
Früheste Anerkennung fand Max Bill im Jahr 1925 mit 17 Jahren, als er seine Arbeiten, die er an der Kunstgewerbeschule Zürich schuf, an der legendären "Exposition international des arts décoratifs" in Paris ausstellen konnte, wo auch die gestalterische Weltelite wie Le Corbusier und Melnikow vertreten war. Trotzdem wurde er wegen einer Nichtigkeit aus der Kunstgewerbeschule hinausgeworfen, worauf Max Bill ans Bauhaus nach Dessau ging.
Der wichtigste Bauhaus-Schüler
Bills Bauhaus-Meister waren Kandinsky, Klee und Moholy-Nagy. Heute gilt Max Bill als der bedeutendste Schüler, der aus dem Bauhaus hervorgegangen war.
1933, erneut in Paris, wurde Max Bill in die Künstlergruppe "abstraction création" aufgenommen und stellte mit Piet Mondrian, Jean Arp, Sophie Taeuber Arp, Marcel Duchamp und Georges Vantongerloo aus. Max Bill war 25 Jahre alt.
Die Hochschule für Gestaltung in Ulm
Nach dem 2. Weltkrieg bekam Max Bill im Rahmen des Marshallplans eine Schlüsselposition beim (materiellen und geistigen) Wiederaufbau Deutschlands. Als Architekt baute er die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die HfG, und wurde deren erster Rektor. Die Trägerschaft der HfG war die Geschwister Scholl-Stiftung. Inge Scholl, die Schwester der 1944 in München ermordeten Geschwister Sophie und Hans Scholl, war Präsidentin.
»Nobelpreis der Künste«
Ein Jahr vor seinem Tod erhielt er als erster Schweizer den sogenannten Nobelpreis der Künste, den Praemium Imperiale in Tokyo. Am 9. Dezember 1994 brach er auf seiner letzten Mission als Präsident des Bauhaus-Archivs auf dem Berliner Flughafen Tegel tot zusammen.
Die Rückschläge und ihre Verarbeitung
Max Bills Leben war voller Rückschläge und Erfolge. Schon in früher Jugend steckten ihn die Eltern in ein Erziehungsheim, weil er an einem Kiosk Romanheftchen geklaut hatte. Aber er hatte schon früh gelernt, nicht aufzugeben. Sein Onkel Ernst Geiger, der ein berühmter Maler war, schenkte ihm den ersten Malkasten. Im Erziehungsheim entstanden die ersten Bilder. Seinen Hinauswurf an der Kunstgewerbeschule Zürich kompensierte er mit einem hochdotieren Preis, den er bei einem Plakatwettbewerb gewann; das Preisgeld ermöglichte ihm das Studium am Bauhaus. Am Bauhaus verlor er bei einem Zusammenstoss mit einem Trapezkünstler die Hälfte der Zähne. Er setzte den Schicksalsschlag kreativ um mit einem Bild, das er "siamesische zwillingsakrobaten" nannte. Als ihm 1977 wegen eines Tumors ein Auge entfernt werden musste, entwarf er schon am Tag nach der Operation im Krankenbett die Grafikreihe "seven twins".
Kampf gegen das Unverständnis
Seine Erfolgsgeschichte mag im nachhinein so erscheinen, als ob Max Bill die Dinge in den Schoss gefallen wären. Dem war aber gar nicht so. Er hatte hart kämpfen, sich immer wieder durchsetzen und sich die Lorbeeren verdienen müssen. So war es sein frühes brotloses antifaschistisches Engagement gewesen, das ihm nach dem 2. Weltkrieg das Mandat der Alliierten zum Wiederaufbau in Deutschland eintrug. Seine Skulpturen im öffentlichen Raum stiessen derart auf Widerstand, dass die erste Version der berühmtesten Bill-Plastik, die "kontinuität", im Jahr 1948 von Rechtsextremisten in Zürich zerstört wurde. Erst knapp 40 Jahre später erhielt er von der Deutschen Bank in Frankfurt, als wäre es eine Wiedergutmachungsgeste, den Auftrag, diese Skulptur in Granit neu herzustellen; die Arbeiten dauerten drei Jahre. Gegen seine Pavillon-Skulptur an der Zürcher Bahnhofstrasse liefen die Behörden, die Geschäfte und die Kleinbürger Sturm. Der Lohn, den er dafür erhielt, war, dass diese Pavillon-Skulptur heute so beliebt ist, dass die Leute Sturm laufen würden, wenn man sie entfernen wollte.
Politisch zwischen Stuhl und Bank
Bill hat nie viel aus seinem Leben geplaudert. Für viele war er geheimnisvoll. Da er sich 1967 in den Nationalrat wählen liess, sahen einige 68er in ihm einen Vertreter des Establishments, obschon er parteilos war, und verunglimpften ihn. Es gab eine zeitlang ein eigentliches Bill-Bashing. Man warf ihm Naivität vor, ohne zu wissen, dass er schon zu einer Zeit die wichtigsten Forderungen des 68er-Protestes vertrat, als es die Jugendbewegung noch gar nicht gab. Sie kannten seinen Antifaschismus nicht. Sie wussten nicht, dass Bill Flüchtlinge versteckt hatte und italienischen Partisanen unter die Arme griff. Sie wussten nicht, dass er schon immer gegen den überbordenden Konsum und die nutzlose Dinge produzierende Gesellschaft plädierte. Und ihnen war unbekannt, dass Max Bill schon 1965 mit Sartre, Silone, Max Ernst, Simone de Beauvoir, Max Frisch u. a. den ersten europäischen Künstlerprotest gegen den Vietnamkrieg in der New York Times unterzeichnet hatte. Bill war Atomkraftgegner und plädierte schon in den 50er Jahren für den Umweltschutz, wobei damals noch von Umwelt-Gestaltung die Rede war. Was man damals objektiv noch nicht wissen konnte, weil es erst nach dem kalten Krieg ausgekommen war: Max Bill wurde über 50 Jahre lang polit-polizeilich beobachtet und wäre im Ernstfall während des 2. Weltkriegs als "Linksextremist" in ein Lager eingesperrt worden.
Das Bill-Bashing nahm auch keine Ende, nachdem Max Bill als Erstunterzeichner das "Zürcher Manifest" unterschrieb, welches gegen die Polizeiübergriffe bei den 68er Krawallen und deren Nichtahndung durch die Behörden protestierte, während die Justiz die Demonstranten hart bestrafte. Denn ein Bashing ist immer populär, zwingt in der Regel nicht zum Nachdenken und bedient Vorurteile. Da Max Bill indes mit seinen zivilcouragierten Stellungnahmen auch die Bürgerlichen verärgerte, fiel er politisch zwischen Stuhl und Bank. Eine populistische Linke warf ihm vor, er sei ein bürgerlicher Anpasser, und die einflussreichen Rechtsbürgerlichen hielten ihn für einen unerwünschten Linken. An dieser Haltung gegenüber Bill hat sich bis in die Gegenwart kaum etwas geändert.
Max Bill hat ein beträchtliches Entdeckungspotenzial
Wenn also gegenüber Max Bill, dachte ich mir als Filmautor, aus der Unkenntnis heraus immer noch derart starke Vorurteile mitspielen, dann muss angesichts seiner Qualitäten ein umso beträchtlicheres Entdeckungspotenzial in ihm stecken. Ich musste mich also auf den unbekannten Max Bill konzentrieren und dem Publikum neue Tatsachen unterbreiten, um nach Möglichkeit in der Rezeption einen Paradigmawechsel herbeizuführen.
Dies ist für einen Filmemacher eine Herausforderung. Wird es gelingen, mit einem biografischen Film dieses Leben so darzustellen, dass man es in seinen inneren Zusammenhängen einigermassen begreifen kann? Dieses Leben am Übergang zur Moderne, in einem unablässigen Kampf für eine gerechtere und bessere Welt mit ästhetischen und gestalterischen Mitteln?
Das Geheimnis war das absolute Augenmass
Nachdem ich in den in- und ausländischen Archiven alles greifbare Filmmaterial über Max Bill gesammelt hatte, blieben mir, einschliesslich des eigenen Drehmaterials, für die Filmmontage rund 185 Stunden Bild- und Tonmaterial. In der Montage behielten wir für die 90 Minuten, auf die wir uns für die grosse Leinwand beschränken mussten, konsequent nur jenes Material, das die inneren Zusammenhänge – oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig – miteinander verknüpft. So entstand schliesslich ein dichtes Geflecht von übereinander gelagerten Sinnbildern, die wie bei Zahnrädern vom einen ins andere übergreifen und durch den ganzen Film hindurch vorwärts treiben. Und über allem schwebt das Thema der Einsteinschen Unendlichkeit und der politische Anspruch, dass »die Schönheit in der Reduktion« liegt.
Das Geheimnis von Max Bills Erfolg war nicht nur, dass ihm in seinen Anliegen die Zukunft recht gegeben hatte, sondern auch dass er etwas besass, was nur sehr wenige besitzen, nämlich so etwas wie das absolute Augenmass, vergleichbar mit dem absoluten Musikgehör.
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Pavillon-Skulptur an der Bahnhofstrasse in Zürich als demokratischer Ausdruck
Von Erich Schmid
Beispiel Bahnhofstrasse in Zürich, vielleicht das teuerste Pflaster der Welt, auf dem Bill eine Skulptur errichtete, von der die Menschen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen, Besitz ergreifen können, finanziert von der Grossbank UBS, auf Bills Wunsch hin geschenkt der Stadt Zürich, eine begehbare Archi-Skulptur als ästhetisches Verbindungsstück zwischen der mittelalterlich-kleinräumigen Altstadt und der gegenüberliegenden Verwaltungsarchitektur der Jahrhundertwende, ein Knoten im Raum, wie Bill ihn nannte, oder das Gegenteil von einem Labyrinth, etwas gegen die Konfusion, in der wir heute leben oder gegen den überbordenden Individualismus, ein kostenloser Treffpunkt inmitten einer Konsummeile, wo der Luxus, an dem alle teilhaben können, darin besteht, dass die Skulptur mit ihren polierten Granitquadern das Umfeld visuell zum Vibrieren bringt, ausgerichtet nach der Lichtdurchlässigkeit der Jahreszeiten und der Nächte, wo es 18 Tore hat und man sich die Wege frei wählen kann, das Gegenteil also von Verklärung, Verlockung und Verführung (deren Mittel sich die dunklen Mächte bedienten, vom Cäsaropapismus bis Faschismus) – Max Bills Pavillon-Skulptur mit ihrer gestalterischen Klarheit als demokratisches Manifest der Transparenz.
Dass man den demokratischen Ausdruck in Bills Werken nicht gleich sieht, liegt wohl daran, dass diese nicht figurativ sind und keinen literarischen Ausdruck haben, denn sie entstammen einer Idee. – Aber was war die Idee von Max Bill?
Sie liegt wohl im Subtext seiner eigenen Aussagen verborgen: der Knoten im Raum, das Gegenteil eines Labyrinths, der überbordende Individualismus, die Konfusion, in der wir heute leben, und dass man die Wege frei wählen kann. Zwei Lösungswörter dieser Attribute treten erst hervor, wenn man sich genauer mit der Skulptur auseinandersetzt und realisiert, dass sie aus lauter gleichen Elementen besteht – die Gleicheit und die Freiheit als zentrale Begriffe, die das Zusammenleben jeder Gesellschaft bestimmen, ob wir wollen oder nicht. Die gleichen Elemente setzte Bill der Bewegungs-Freiheit in der Skulptur gegenüber – und er gleichzeitig schaffte er Transparenz. Dieser gestalterische Ausdruck fordert uns auf, die zwischen Gleichheit und Freiheit unweigerlich bestehenden Spannungen transparent zu regeln, indem man eine politisch-demokratische Lösung findet im Zusammenhang mit der Tatsache, dass zu viel Freiheit es den Stärkeren ermöglicht, die Schwächeren zu unterdrücken – und dass zu viel Gleichheit Eintönigkeit und Langeweile produziert. Wäre eine sprachliche Aussage zu der von Bill gewählten Problemstellung möglich gewesen, dann hätte er die Lösung in der Sprache gesucht. Im Gegensatz zu sprachlichen Antworten erfordert jedoch die nicht-figurative, konkrete Kunst, eine Anstrengung auf bildsprachlicher Ebene. Wenn man die Werke einfach betrachtet, ohne darin Antworten auf das Leben zu suchen, können sie einem gefallen oder nicht. Im letzteren Fall führt dies oft zu Bemerkungen wie: „Das könnte ich doch auch!“, da ein Werk auf den ersten Blick einfach und reduktiv aussehen kann. Diese Rezeption vernachlässigt, dass die konkrete Kunst im besonderen Masse gerade (auch) das ausmacht, was man nicht gleich sieht: die Problemstellung, die dahinter steht, die Metapher, den Ausdruck von Erkenntnissen (die vielleicht noch nicht eingelöst sind), den gestalterischen Ausdruck eines zeitlosen, klassischen Zustands. Übertragen auf die heutige Zeit, könnte dies bedeuten: Je mehr wir uns dem geschichtlichen Wendepunkt und der globalen Umweltkrise nähern, welche die postmoderne Üppigkeit und die individuelle Beliebigkeit verursachen, desto deutlicher treten jene Lösungsansätze hervor, die Max Bill (und einige der Konkreten) politisch propagiert und in eine ästhetische Form gebracht hatten. Sie führten zumeist übrigens in die Reduktion.
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